Heimat – wo willst du hin?
Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen...(Theodor Fontane)
Wie kommen 11 Greizer Jugendliche im Alter von 18 bis 27 dazu sich zum ersten Mal in ihrem Leben bewusst mit dem Begriff „Heimat“ zu beschäftigen, ist er doch gerade in Deutschland unschön mit der Zeit des Nationalsozialismus verbunden.
Vielleicht liegt es an unserer Heimatstadt Greiz einer Kreisstadt in Ostthüringen, oder auch „die Perle des Vogtlandes“, genannt. Greiz hat derzeit ca. 22 000 Einwohner, wobei seit 1989 ein Bevölkerungsrückgang von fast 30% zu verzeichnen ist. Besonders stark ist die Abwanderungsrate bei Jugendlichen im Alter von 16 bis 28.
Die Gründe hierfür liegen in der geringen industriellen und wirtschaftlichen Infrastruktur, der hohen Arbeitslosenquote, aber auch am allmählichen Anstieg des Durchschnittsalters der Bürger, was natürlich zur Folge hat, dass die sozialen aber vor allem die kulturellen Angebote auf die älteren Schichten abgestimmt sind und die noch vorhandene Jugend nur wenig Anlaufstellen und Betätigungsangebote
vorfindet.
Greiz ist durch seine reußische Vergangenheit ein stark geschichtsträchtiger Ort und deshalb gibt es tausend verschiedene Ansichten, Kalender, Postkarten, Ausstellungen und Veranstaltungen zur Greizer Geschichte. Oft verschwinden hinter all den „Heinrichs“ und Schlössern die Menschen, die Greiz heute beleben, die ihre Stadt lieben und sich mit ihr identifizieren wollen. Doch genau das ist schwer, wenn eine Stadt einzig auf ihre Vergangenheit reduziert wird und genau hier setzt unser Projekt an.
Wir sind alle Mitte der 80er Jahre geboren, haben die Wende nur teilweise bewusst wahrgenommen, ebenso die blühende Greizer Industrie, die nach 1989 plötzlich einfach nicht mehr da war, heute erinnern nur noch riesige leerstehende Backsteingebäude, die langsam zerfallen, an die einst schillernde Zeit. Dem Charme solcher Gebäude ist unser Kulturverein 2001 erlegen, als wir die „Alte Papierfabrik“ entdeckten und zu unserem Vereinsobjekt, einem Pool für Kultur, machten. Wir wollen der Vergangenheit nicht hinterhertrauern, sondern die verlassenen Plätze nutzen, um neues Kultur- und Gedankengut zu schaffen.
Aber was ist es denn nun Heimat... ein Ort? Ein Gefühl? Aufjedenfall ein deutsches Wort, unübersetzbar, „a german dream“...die hohen Wälder Thüringens, Villenprotz und Backsteinstrenge, Herbstlaub und Morgennebel über Wiesen, eine eingebrannte Mischung aus Geschmack, Geruch und Geräuschen, Der Duft von Bratwurst und Rotkraut, Schneeflocken auf der Zunge, die Lieblingsmusik der Eltern, die Zuckerschnüre vom Bäcker an der Ecke, Lebkuchen und Weihnachtsbaum, der Duft seines Parfums, untrennbar verknüpft mit dem ersten Kuss auf der Brücke in der großen Stadt, der Fleck auf der Lieblingsjeans oder die selbstbesprochene Kassette oder oder oder....das alles ist Heimat oder nichts davon.
Solange Heimat da ist, spürt man sie kaum, erst der Verlust, vielleicht durch einen Umzug in eine andere Stadt, lässt uns wehleidig an ein „früher“ denken, wo alles besser und einfacher war. Und genau dies Gefühl wollen wir in unseren Fotos festhalten. Da wird kaum einer ein Oberes Schloss oder einen Heinrich fotografieren, da geht es um ganz private Traum- oder Luftschlösser und nicht um Heinrich, aber vielleicht um einen Sebastian oder eine Hanna. Es geht nicht darum Greiz auf ihre eine Geschichte zu reduzieren, sondern Greiz um 11 einzigartig für sich stehende Geschichten zu erweitern, Orte zu finden, die jeder von uns mit der gleichen Erinnerung verbindet.. Der Glitzerfußboden der Massa, Milchmarken in der Schule, das Kriegsdenkmal im Park, was dort nicht mehr steht. Verlassene und nicht mehr existente Orte mit Erinnerungen füllen und wieder beleben
Heimat – wo ich mich geborgen fühle und vertrauen habe, da bin ich zu hause. Heimat sind die geborgenheitsnischen auf dem lebensweg, ein zauber, ein duft, eine silhouette – ein warmesgefühl in einer kalten welt – bildhafte erinnerungen – trauer und melancholie
heimat will stillstand, leben will veränderung – wir wollen veränderung in der heimat



